Zum Hauptinhalt springen
DIN 18041 — Hörsamkeit in Räumen, Norm-Leitfaden für die Akustikplanung

Ratgeber · Norm-Leitfaden · DIN 18041

DIN 18041
erklärt

Die zentrale Norm für Hörsamkeit in geschlossenen Räumen — Raumgruppen A1–A5 und B1–B5, Soll-Nachhallzeit, Sabine- und Eyring-Formel, A/V-Verhältnis, Planungsfehler und Messmethoden in einem strukturierten Leitfaden.

DIN 18041 — vollständiger Leitfaden
12 Sektionen Sabine & Eyring Mess­methoden

Was DIN 18041 regelt

DIN 18041 „Hörsamkeit in Räumen — Anforderungen, Empfehlungen und Hinweise für die Planung" legt fest, wie laut, wie hallend und wie sprachverständlich Räume sein dürfen, in denen Menschen kommunizieren, lernen oder arbeiten. Die Norm unterscheidet Raumgruppe A (Räume mit Sprache/Musik — Klassen A1 bis A5) und Raumgruppe B (Räume zur Lärm­minderung — Klassen B1 bis B5).

Letzte Novellierung März 2016. Verbindlich nicht als Gesetz, aber als anerkannter Stand der Technik — Sachverständige und Gerichte ziehen die Norm zur Beurteilung von Baumängeln heran. Ergänzt in Arbeitsstätten durch ASR A3.7 (Lärm) und VDI 2569 (Büroakustik).

Raumgruppen nach DIN 18041

Zwei Gruppen mit insgesamt 10 Klassen. Gruppe A optimiert auf Sprachverständlichkeit, Gruppe B auf Lärmreduktion.

Gruppe A — Sprache & Musik

  • A1 Musik: Konzertsäle, Probenräume — längere Nachhallzeit erwünscht.
  • A2 Sprache/Vortrag: Theater, Hörsäle — moderate Nachhallzeit.
  • A3 Unterricht/Kommunikation: Klassenzimmer, Konferenz­räume, Besprechungs­räume.
  • A4 Inklusiv: wie A3, jedoch mit Hörgeschädigten — strengere Werte.
  • A5 Sport: Sporthallen, Schwimm­bäder — schwierige Volumina.

Gruppe B — Lärm­minderung

  • B1 Kein längerer Aufenthalt: Flure, Treppenhäuser, Lager.
  • B2 Begrenzter Aufenthalt: Eingangsbereiche, Schalterräume.
  • B3 Längerer Aufenthalt: Einzelbüros, Wartezimmer, Patientenzimmer.
  • B4 Kommunikativ: Mehrpersonen­büros, Speise­säle, Großküchen.
  • B5 Hohe Lärm­belastung: Industrie­produktion.

Beispiel-Zuordnungen für B2B-Projekte: Anwaltskanzlei = Einzelbüro B3, Besprechungs­zimmer mit Mandanten = A3. Großraum­büro mit 15 Arbeits­plätzen = B4. Industriehalle mit Service-Desk = B4/B5.

Soll-Nachhallzeit berechnen

Für Raumgruppe A wird die Soll-Nachhallzeit Tsoll über eine logarithmische Formel aus dem Raumvolumen berechnet:

Tsoll = (0,32 · log10(V) − 0,17) · KR

V = Raumvolumen [m³]  ·  KR = raumtyp­abhängiger Korrektur­faktor

Für Raumgruppe B gilt stattdessen ein A/V-Verhältnis als Planungs­kriterium: die äquivalente Schallabsorptions­fläche A muss mindestens einen klassen­spezifischen Bruchteil des Raumvolumens V erreichen.

Beispiel: Ein 40 m² Mehrpersonenbüro (B4) mit 2,7 m Raumhöhe hat V = 108 m³. Erforderliche Absorptionsfläche A = 0,25 · 108 = 27 m² Sabin.

A/V-Mindestwerte Gruppe B

B1≥ 0,15
B2≥ 0,18
B3 (Einzelbüro)≥ 0,20
B4 (Mehrpersonenbüro)≥ 0,25
B5≥ 0,30

Bewertete Frequenzbereiche

DIN 18041 bewertet sechs Oktav­bänder zwischen 125 Hz und 4 kHz — der Großteil der menschlichen Sprache (100 Hz bis 8 kHz).

Tief: 125 – 250 Hz

Bass, Raum­dröhnen, tiefes Stimmen­fundament. Schwer zu absorbieren — braucht dicke Materialien oder Helmholtz-Resonatoren.

Wellenlänge ≈ 2,7 m

Mittel: 500 – 2.000 Hz

Kern der Sprach­verständlichkeit. Die meisten Akustik­produkte sind hier am stärksten wirksam (α > 0,80).

Norm-Mittelband

Hoch: 4.000 Hz

Konsonanten („s", „t", „f"), Klang­farbe von Stimmen. Teppichböden und Vorhänge wirken hier am besten.

Wellenlänge ≈ 8,5 cm

Sabine- vs. Eyring-Formel

Das Raumvolumen V beeinflusst die Nachhallzeit überproportional. Zwei Formeln decken die Praxis ab.

Kleine bis mittlere Räume

Sabine-Formel

T = 0,163 · V / A

Gilt für Räume mit V < 250 m³ und mittlerem Absorptionsgrad ᾱ ≤ 0,3. Die Standard­formel für Büros, Konferenzräume und kleinere Sale.

Große oder absorbierende Räume

Eyring-Formel

T = 0,163 · V / (−S · ln(1 − ᾱ))

Genauer bei stark absorbierenden Räumen (ᾱ > 0,3) oder Volumina über 250 m³. Der Akustikrechner wechselt automatisch zwischen beiden Formeln.

Bei Volumina über 5.000 m³ (Industriehallen, Schwimmbäder) muss zusätzlich die Luft­absorption nach ISO 9613-1 berücksichtigt werden.

Welche Absorber-Materialien erfüllen DIN 18041?

Die Norm gibt keine Material-Vorgaben — entscheidend ist nur, dass die Summe der äquivalenten Absorptions­flächen das Soll erreicht. Drei Material­klassen kommen praktisch zum Einsatz: poröse Absorber (Mineralwolle, PET-Filz, Schaumstoff, αw bis 0,95), Plattenabsorber (Holz, Gips, Mikroperforation, αw bis 0,50) und Helmholtz-Resonatoren (Schlitz- und Lochabsorber, frequenz­selektiv).

Brandschutz: in öffentlichen Räumen mindestens B1 nach DIN 4102 (schwer­entflammbar). Mineral­faser-Absorber erreichen oft A1 (nicht brennbar).

6 typische Planungsfehler

Diese Stolperfallen tauchen in der Praxis am häufigsten auf — und sind in der Regel mit wenig Aufwand vermeidbar.

Nur Decke beplankt

Flatterecho zwischen parallelen Wänden bleibt. Mindestens eine Wandfläche muss mit absorbieren.

Nur auf 1 kHz optimiert

Tiefe Frequenzen unter 250 Hz bleiben unbehandelt — Räume wirken dumpf und dröhnend. αw auch bei 125/250 Hz prüfen.

Möblierung nicht eingerechnet

Polster­möbel, Bücher­regale und Vorhänge tragen messbar zur Absorption bei. Sonst droht Überdimensionierung.

A/V statt Tsoll verwechselt

Für Büros (Gruppe B) gilt A/V ≥ 0,25 — eine Tsoll-Rechnung führt zu falschen Schlüssen.

Glas­fassade ignoriert

Glas reflektiert fast vollständig. Eine 20-m²-Glaswand verlangt 20–25 m² zusätzliche Absorption — z. B. schwere Vorhänge.

Messung im unmöblierten Raum

DIN ISO 3382-2 verlangt Messung mit Möblierung. Eine Leer-Messung liefert höhere Nachhallzeiten und führt zu unnötigem Material-Einsatz.

Akustikplanung in 6 Schritten

Bewährter Workflow von der Bestandsaufnahme bis zur Übergabe — anwendbar auf jeden Raumtyp und jede Raumgruppe.

01

Bestandsaufnahme

Raumvolumen V messen, Raumgruppe (A1–A5 oder B1–B5) bestimmen, Ist-Nachhallzeit mit Hand-Hörprobe oder erster Messung abschätzen.

02

Auslegung

Tsoll nach Formel berechnen oder A/V-Anforderung anwenden. Benötigte Zusatz-Absorption Aneed aus Differenz Ist↔Soll ermitteln.

03

Materialwahl

Absorber mit passendem α-Profil je Frequenzband auswählen. Brandschutzklasse berücksichtigen, Optik mit Auftraggeber abstimmen.

04

Montage

Platzierung an Decke und mindestens einer Wandfläche, Hinterlüftung beachten (10–25 mm Wandabstand verbessert Tieftonwirkung erheblich).

05

Messung

T60 nach DIN EN ISO 3382-2 messen im belegten Zustand. Protokoll mit Datum, Equipment, Messpositionen erstellen.

06

Übergabe

Messprotokoll an Auftraggeber, Soll/Ist-Vergleich, Empfehlungen zur Wartung der Absorber.

Häufige Fragen zu DIN 18041

Wer muss DIN 18041 einhalten?

DIN 18041 ist keine gesetzliche Pflicht, gilt aber als anerkannter Stand der Technik. Bei Planung von Schulen, Kitas, Büros, Konferenzräumen und öffentlichen Gebäuden wird sie regelmäßig vertraglich gefordert. Sachverständige und Gerichte ziehen die Norm bei Baumängeln heran. In Arbeitsstätten ergänzt sie ASR A3.7 (Lärm) und VDI 2569 (Büro­akustik).

Gruppe A (A1–A5) bewertet die Sprachverständlichkeit in Räumen mit aktiver Kommunikation — Klassenzimmer, Konferenz­räume, Theater. Gruppe B (B1–B5) bewertet die Lärmminderung in Räumen mit allgemeiner Nutzung — Büros, Großküchen, Industrie. Für Gruppe A gilt eine berechnete Soll-Nachhallzeit Tsoll, für Gruppe B ein Mindest-A/V-Verhältnis.

Die Sabine-Formel T = 0,163 · V / A liefert gute Ergebnisse für Räume mit V < 250 m³ und mittlerem Absorptionsgrad ᾱ ≤ 0,3 — also für die meisten Büros und Besprechungs­räume. Bei stark absorbierenden Räumen oder Volumina über 250 m³ wird die Eyring-Formel T = 0,163 · V / (−S · ln(1 − ᾱ)) genauer. Unser Akustikrechner wechselt automatisch.

Gemessen wird nach DIN EN ISO 3382-2 mit zwei zulässigen Verfahren: Impulsantwortmessung (MLS-Signal oder Sinus-Sweep) und Unterbrochenes Rauschen (Interruption-Methode). Equipment: Klasse-1-Schallpegelmesser nach IEC 61672, omnidirektionale Dodekaeder-Lautsprecher, Software wie REW, Dirac oder EASERA. Gemessen wird im belegten Zustand mit Möblierung.

In öffentlichen Räumen und Versammlungs­stätten wird mindestens B1 nach DIN 4102 (schwer­entflammbar) gefordert. In Fluchtwegen und sensiblen Bereichen ist A1 (nicht brennbar) oft Pflicht — Mineral­faser-Absorber erfüllen diese Klasse standardmäßig. Bei PET-Filz und Schaumstoffen vor dem Einsatz die Brandklasse beim Hersteller prüfen.

Normative Grundlagen & Quellen

Dieser Beitrag stützt sich auf die folgenden anerkannten Normen und Regelwerke.

DIN 18041:2016-03

Hörsamkeit in Räumen — Anforderungen, Empfehlungen und Hinweise für die Planung

DIN Deutsches Institut für Normung

DIN EN ISO 3382-2:2008-09

Messung von Parametern der Raumakustik — Teil 2: Nachhallzeit in gewöhnlichen Räumen

DIN Deutsches Institut für Normung

ISO 9613-1:1993

Akustik — Dämpfung bei Schallausbreitung im Freien — Teil 1: Luftabsorption

International Organization for Standardization (ISO)

DIN 4102-1:1998-05

Brandverhalten von Baustoffen und Bauteilen — Teil 1: Begriffe, Anforderungen, Prüfungen

DIN Deutsches Institut für Normung

ASR A3.7:2018

Technische Regeln für Arbeitsstätten — Lärm

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)

VDI 2569:2019-10

Schallschutz und akustische Gestaltung im Büro

Verein Deutscher Ingenieure (VDI)

Diese Normen und Regelwerke sind kostenpflichtig erhältlich bei den jeweiligen Herausgebern: dinmedia.de·iso.org·baua.de·vdi.d